Blau, grün, digital: Planungsprozesse vereinfachen mit digitalen Tools

Aus dem Forschungsprojekt AMAREX sind zahlreiche digitale Werkzeuge hervorgegangen. Michel Gunkel von den Berliner Wasserbetrieben stellt sie uns vor.

02.03.2026

Planungshilfe Starkregen

Header-Mockup für Amarex-Projekt. Dargestellt wird das Webtool. Webtool AMAREX-Projekt

Herr Gunkel, worum genau ging es bei AMAREX?

Im Projekt AMAREX haben wir untersucht, wie die dezentrale Regenwasserbewirtschaftung besser auf die Herausforderungen von Starkregen und Dürre vorbereitet werden kann.

Ein Schwerpunkt lag auf technischen Maßnahmen wie Versickerung, Verdunstung und Regenwassernutzung. Wir haben analysiert, welchen Beitrag diese Maßnahmen in Extremsituationen leisten und wie sie dafür weiterentwickelt werden müssen.

Ein zweiter Schwerpunkt waren digitale Werkzeuge. Dabei ging es um die Frage, wie Planungs- und Simulationsinstrumente die Umsetzung dezentraler Konzepte unterstützen können.

 

Welche zentralen Erkenntnisse hat das Projekt erbracht?

Die Ergebnisse zeigen, dass dezentrale Maßnahmen bei Starkregen Überflutungsfolgen deutlich abmildern können. Werden sie mit Speicherelementen kombiniert, können sie außerdem in Trockenperioden Wasser für die Bewässerung bereitstellen.

Deutlich wurde auch, dass digitale, anwendungsnahe und ingenieurswissenschaftlich fundierte Tools die Planung gut unterstützen können. Gleichzeitig ist ihre Entwicklung sehr aufwendig und innerhalb von Forschungsprojekten nur begrenzt leistbar.

 

Welche Tools und Produkte sind im Projekt entstanden?

Im Projekt sind mehrere Werkzeuge entstanden, die unterschiedliche Phasen der Planung unterstützen.

Ein wichtiger Bestandteil sind Steckbriefe zur Anpassung von Anlagen der Regenwasserbewirtschaftung (RWB) an Starkregen (RWB+) und an Hitze und Trockenheit (RWB-N). Sie zeigen, wie bestehende Anlagen für Extremereignisse erweitert werden können. So kann es zum Beispiel sinnvoll sein, Versickerungsmulden zu vergrößern oder Speicherelemente wie Zisternen vorzuschalten.

Ergänzend dazu wurde ein Tool entwickelt, mit dem sich abschätzen lässt, wie stark dezentrale Maßnahmen Überflutungen reduzieren können, und ein Zisternenrechner zur Dimensionierung von Speichern.

Michel Gunkel - BWB | Forschung und Entwicklung. Im Rahmen von AMAREX Leiter d. Bereichs „Kommunaler Anker“ im Gespräch. Benjamin Pritzkuleit

»Digitale, anwendungsnahe Werkzeuge können die Planung dezentraler Regenwasserbewirtschaftung deutlich erleichtern – ihre Entwicklung ist jedoch sehr aufwendig.«

Michel Gunkel BWB | Forschung und Innovation. Im Rahmen von AMAREX Leiter d. Bereichs „Kommunaler Anker“.

Welche Bedeutung hat das Wasserhaushaltsmodell ABIMO?

ABIMO bildet den urbanen Wasserhaushalt ab und zeigt, wie sich Niederschläge auf Verdunstung, Versickerung und Oberflächenabfluss verteilen.

Im Projekt haben wir das Modell weiterentwickelt und um eine webbasierte Echtzeitsimulation erweitert. Damit lassen sich sowohl der Status quo als auch die Auswirkungen geplanter Maßnahmen auf den Wasserhaushalt simulieren und bewerten.

 

Welche weiteren Ergebnisse sind entstanden?

Weitere Ergebnisse sind hochaufgelöste Potenzialkarten für Versickerungsmaßnahmen, eine Analyse dezentraler Maßnahmen unter sozialen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten sowie ein Webtool-Prototyp zur wassersensiblen Gebietsentwicklung, der sich eng an realen Planungsprozessen orientiert.

 

An wen richten sich diese Angebote und wofür sind sie gedacht?

Die Tools sind öffentlich zugänglich und richten sich an Planer:innen, Ingenieur:innen, Verwaltungen und Investor:innen. Ihre Entwicklung wurden durch Workshops mit potentiellen Nutzer:innen begleitet.

Die Werkzeuge ersetzen keine Detailplanung. Sie unterstützen aber die frühen Planungsphasen, indem sie relevante Informationen bündeln und eine erste Einschätzung ermöglichen. So lassen sich weitere Planungsschritte gezielter vorbereiten und der Aufwand für Gutachten besser eingrenzen.

 

Für Berlin wurden spezielle Anwendungen entwickelt. Worum geht es bei den Potenzialkarten?

Nicht jede dezentrale Maßnahme ist überall umsetzbar. Für eine erfolgreiche Umsetzung müssen zahlreiche geologische, technische und rechtliche Anforderungen erfüllt sein. Diese haben wir systematisch erfasst, ausgewertet und mithilfe vorhandener GIS-Daten in eine stadtweite Vorprüfung überführt.

Während Bauherr:innen und Planer:innen Informationen früher einzeln zusammentragen mussten, ermöglichen die Potenzialkarten nun eine erste automatisierte Einschätzung.

 

Was leisten die Karten konkret?

Die Karten, die über das Berliner Geoportal verfügbar sind, geben einen schnellen Überblick darüber, welche Maßnahmen an einem Standort möglich sind.

Sie ersetzen keine Detailprüfung, helfen aber dabei, geeignete Maßnahmen frühzeitig zu erkennen und Prioritäten für eine vertiefte Planung zu setzen.

 

Welchen zusätzlichen Nutzen bieten die Wasserhaushaltskarten?

Auf Basis des weiterentwickelten Modells ABIMO stehen Karten auf Blockebene im Geoportal zur Verfügung. Sie zeigen, wie sich der Jahresniederschlag auf Abfluss, Versickerung und Verdunstung verteilt.

Zusätzlich wird der Kennwert Delta W (ΔW) dargestellt, der angibt, wie stark ein Gebiet vom natürlichen Wasserhaushalt abweicht. Hohe Werte weisen auf einen erhöhten Handlungsbedarf für dezentrale Maßnahmen hin.

»Je stärker der urbane Wasserhaushalt vom natürlichen Zustand abweicht, desto größer ist der Handlungsbedarf.«

Delta-W: Abweichung des Wasserhaushalts vom natürlichen Wasserhaushalt 2022 (Wasserhaushalt 2022 – Geoportal Berlin)

Was leistet das AMAREX-Webtool?

Das Webtool bündelt öffentlich verfügbare Informationen und dient als Instrument zur Voranalyse. Es orientiert sich am Planungsprozess und kann auf unterschiedlichen Maßstabsebenen eingesetzt werden – von der gesamtstädtischen Betrachtung bis zur Grundstücksebene.

Nutzer:innen können zunächst den Status quo analysieren, etwa in Bezug auf Hitze, Grünanteile oder Wasserhaushalt. Über eine Machbarkeitsanalyse lassen sich Maßnahmen der dezentralen Regenwasserbewirtschaftung planen und deren Auswirkungen bewerten. Eine Reportfunktion ermöglicht es, Ergebnisse zu speichern und zu teilen.

»Das AMAREX-Webtool ist als Prototyp zu verstehen, der Informationen bündelt und zugänglich macht.«

Screenshot von Webtool des AMAREX-Projekts mit Maßnahmenplatzierung für die lokale Planung.

AMAREX-Webtool mit Maßnahmenplatzierung für die lokale Planung.

Wo liegen die Grenzen des Webtools?

Die Entwicklung solcher Software ist sehr aufwendig. Innerhalb eines Forschungsprojekts können daher nicht alle gewünschten Funktionen umgesetzt werden. Das AMAREX-Webtool ist deshalb als Prototyp zu verstehen, der vor allem Informationen bündelt und zugänglich macht.

Wie geht es nach AMAREX weiter?

Ansätze aus AMAREX werden im SmartWater-Projekt weiterverfolgt. Ziel ist es, ein dauerhaft nutzbares Planungsinstrument für blau-grüne Infrastrukturen zu entwickeln und in der Verwaltung übergreifend zu verankern.

Um das volle Potenzial dieser Ansätze zu nutzen, sollte aus meiner Sicht frühzeitig über weitere darauf aufbauende Projekte nachgedacht werden.

Das Forschungsprojekt AMAREX, kurz für „Anpassung des Managements von Regenwasser an Extremereignisse“, lief von Februar 2022 bis Juli 2025. Die Berliner Regenwasseragentur war assoziierter Partner.

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