Gesunde Bäume, weniger Verkehr: die Blücherstraße in Kreuzberg
Ahnen&Enkel/Silke Reents
Die Bäume sind gerettet! Ursprünglich sollte in der Kreuzberger Blücherstraße nur die Asphaltdecke erneuert werden. „Bei der Ortsbesichtigung im Februar 2025 zeigte sich, dass die Baumwurzeln weit unter die Straße reichen und die Asphaltdecke teilweise stark beschädigt haben“, sagt Melanie Henneberger, Leiterin des Fachbereichs Straßen im Straßen- und Grünflächenamt (SGA) Friedrichshain-Kreuzberg. Darunter haben nicht nur die Bäume gelitten, sondern auch der Verkehr.
„Die Fahrbahn war in schlechtem Zustand und sanierungsbedürftig. Zudem haben wir bei einer Ortsbesichtigung Wurzelschäden im Bereich der Parkplätze entdeckt.“ Bei einer reinen Asphaltsanierung hätten die Wurzeln gekappt werden müssen, um die Deckschicht abfräsen zu können. Die Bäume hätten dann sehr wahrscheinlich nicht mehr sicher gestanden und gefällt werden müssen. Deshalb entschieden sich die Verantwortlichen, die Baumscheiben in den betroffenen Abschnitten zu vergrößern, die Flächen um die Bäume also großflächig zu entsiegeln und zu bepflanzen.
Blühwiesen statt Asphalt auf 1.200 Quadratmetern
Ein dreiviertel Jahr nach dem ersten Vor-Ort-Termin zeigt Henneberger, was in der Blücherstraße seitdem passiert ist – zusammen mit Mehmet Dilek, Gruppenleiter für die Umsetzung von Baumaßnahmen im SGA des Bezirks. Anlass ist der Erkundungsspaziergang der Berliner Regenwasseragentur am 17. November 2025 mit circa 30 Teilnehmer:innen. Rund 420 Meter misst der umgestaltete Abschnitt zwischen der Kreuzung Baerwaldstraße und der Hausnummer 33 auf halbem Weg bis zum Südstern.
Melanie Henneberger und Mehmet Dilek vom Straßen- und Grünflächenamt Friedrichshain-Kreuzberg führen rund 30 Teilnehmer:innen durch die neu gestaltete Blücherstraße.
„Wir haben auf beiden Straßenseiten eine Fläche von insgesamt 1.200 Quadratmetern entsiegelt“, erläutert Mehmet Dilek. „Dadurch haben die Wurzeln wieder Luft und die Bäume sind dank der großen Versickerungsflächen besser vor Trockenstress geschützt.“ Gleichzeitig wird die Kanalisation entlastet. Wenn der Boden bei Starkregen nicht alles Wasser aufnehmen kann, sind da immer noch die Gullys. Sie liegen nun innerhalb der entsiegelten Flächen. Man spricht deshalb auch von Grünen Gullys.
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Der Bezirk hat auf beiden Straßenseiten eine Fläche von insgesamt 1.200 Quadratmetern entsiegeln lassen. Dank der großen Versickerungsflächen sind die Bäume besser vor Trockenstress geschützt. Gleichzeitig wird die Kanalisation entlastet.
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Wenn der Boden bei Starkregen nicht alles Wasser aufnehmen kann, gelangt es in die Gullys innerhalb der entsiegelten Flächen. Man spricht deshalb auch von Grünen Gullys.
Auf allen entsiegelten Flächen wachsen insektenfreundliche Blühwiesen, die einmal im Jahr gemäht werden. „Stauden wären deutlich pflegeintensiver und damit teurer. Dafür stehen keine Gelder zur Verfügung“, erläutert Henneberger.
Unterschiedliche Lösungen auf beiden Straßenseiten
Auf der einen Straßenseite wurden nur die wenigen von Wurzelschäden betroffenen Teile des Parkstreifens von Asphalt befreit. Zwischen den Bordsteinen, die die entsiegelten Flächen von der Straße trennen und zugleich als Parkbarrieren dienen, wurden Rinnen als Durchlass fürs Niederschlagswasser angelegt. Von der Fahrbahnmitte, die zugleich der höchste Punkt der Straße ist, fließt es über ein natürliches Gefälle hin zu den Baumscheiben.
Auf der anderen Straßenseite hat der Bezirk die Fahrbahn fast über die gesamte Länge bis zur Straßenmitte aufgebrochen, da es auf dieser Seite fast durchgehend Wurzelschäden gab. Statt der ursprünglich 25 Zentimeter dicken Asphalt- und Betonschicht liegen hier nun Boden und Substrat. Große Findlinge verhindern, dass auf den Flächen Autos parken. Asphaltiert sind auf dieser Seite nur noch die Einfahrten und die verbliebenen Parkplätze, wo es keine Wurzelschäden gab. Nur an diesen Stellen kann Niederschlagswasser über Rinnen zwischen den Bordsteinen in die entsiegelten Flächen fließen. Denn nur hier gibt es noch ein Gefälle von der Fahrbahnmitte aus.
Hätten wir versucht, auf dieser Seite ein Gefälle hin zur entsiegelten Fläche zu ermöglichen, hätten wir das gesamte Höhenprofil der Blücherstraße verändern müssen. Das hätte eine sehr viel komplexere Planung und einen deutlich teureren und langwierigeren Umbau bedeutet.“
Einfache Sanierung, schnelle Umsetzung
Die Umgestaltung der Blücherstraße war jedoch als relativ einfache Sanierungsmaßnahme angelegt. „Bei einer Sanierung müssen Anwohnende informiert, aber nicht beteiligt werden. Anders wäre das mit den begrenzten Ressourcen einer Sanierung auch gar nicht zu leisten.“
Genehmigungen vonseiten der Wasserbehörde brauchte es ebenfalls nicht, da es sich um eine Flächenversickerung handelt. All das sowie das große Engagement aller Beteiligten habe dazu geführt, dass die Umgestaltung der Blücherstraße nur wenige Monate gedauert habe.
Weniger Parkplätze, mehr Verkehrssicherheit und Grün
Von ursprünglich 150 Parkplätzen sind 90 entfallen. „Das hat natürlich nicht allen gefallen, wobei wir mehr Zuspruch als Ablehnung der Maßnahme erfahren haben“, sagt Henneberger. Um die Parkplatzsituation zu entschärfen, wird für die verbliebenen Parkplätze Parkraumbewirtschaftung eingeführt. Die Stellflächen sind in Zukunft in erster Linie Anwohner:innen vorbehalten. Zwei neue Lieferzonen ermöglichen das Be- und Entladen.
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Die Stellflächen sind in Zukunft in erster Linie Anwohner:innen vorbehalten. Zwei neue Lieferzonen ermöglichen das Be- und Entladen.
„Viele Anwohnende haben sich positiv geäußert, weil die Straße nun grüner und verkehrssicherer geworden ist.“ Denn die Blücherstraße wurde zwischen Südstern und Baerwaldstraße auch gleich zur Fahrradstraße umgebaut. Außerdem wurden sogenannte Querungshilfen angelegt – für Fußgänger barrierefreie Erhöhungen, die Auto- oder Motorradfahrer:innen zum Abbremsen zwingen. Nur noch Anlieger:innen dürfen die Straße mit dem Auto durchfahren. „Als wichtige Verbindungsroute ist die Straße Teil des Berliner Radverkehrsnetzes. Außerdem befinden sich hier sowohl ein Sportplatz als auch eine Schule und eine Kita, es sind also immer viele Kinder zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs.“
Eine in der Straße ansässige Rechtsanwaltskanzlei hatte vor dem Oberverwaltungsgericht (OVG) geklagt, dass sowohl für die Fahrradstraße als auch die Umwandlung der Parkplätze eine Teileinziehung notwendig gewesen wäre. „Beides hat das OVG verneint, da die Straße nach wie vor für den motorisierten Individualverkehr zur Verfügung steht, wenn auch nur für Anlieger:innen“, so Henneberger.
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»Viele Anwohnende haben sich positiv geäußert, weil die Straße nun grüner und verkehrssicherer geworden ist.«
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Die Blücherstraße wurde zwischen Südstern und Baerwaldstraße auch gleich zur Fahrradstraße umgebaut.
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In der Straße befinden sich ein Sportplatz, eine Schule und eine Kita, die nun gut zu Fuß und mit dem Fahrrad zu erreichen sind.
Kosten und Finanzierung
600.000 Euro hat die gesamte Umgestaltung gekostet. Davon entfielen 210.000 Euro aufs Entsiegeln, teilweise finanziert durch Mittel des Umwelt- und Naturschutzamts. Eine erneute Versiegelung hätte 100.000 Euro gekostet.
Den Austausch fördern
Seit 2024 organisiert die Berliner Regenwasseragentur regelmäßig Erkundungsspaziergänge durch Berliner Kieze, in denen niedrigschwellige Lösungen bereits erfolgreich umgesetzt wurden. Ziel ist der informelle Erfahrungsaustausch. Die Spaziergänge sind vor allem für die Vertreter:innen von Straßen- und Grünflächenämtern und Senatsverwaltungen sowie die Klimaschutzbeauftragten der Bezirke gedacht. Aber auch alle anderen Interessierten sind willkommen.
2026 sind weitere Spaziergänge in Planung.
Ansprechpartner bei der Regenwasseragentur ist Daniel Geisler (Daniel.Geisler@regenwasseragentur.berlin)