Wuhan: Innerhalb weniger Jahre zur klimaresilienten Schwammstadt
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Intensive Begrünung, Spielflächen und eine Nebeldusche auf dem Dach des Einkaufszentrums Wuhan Xintiandi Horizon North Pavilion im Stadtteil Hankou
Die Großstadt Wuhan mit rund 8 Millionen Einwohner:innen ist für ihr subtropisches Klima bekannt: Im Sommer steigen die Temperaturen auf 30 bis 40 Grad bei rund 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. Wuhan gilt deshalb als einer der drei „Öfen“ Chinas. Gleichzeitig hat die „Stadt der 100 Seen“ mit Starkregen und Überflutungen zu kämpfen – eine Folge der globalen Erwärmung und der großflächigen Versiegelung ab den 1970er Jahren. Vor gut zehn Jahren wurde Wuhan deshalb gemeinsam mit 29 weiteren Großstädten von der Zentralregierung Chinas als Pilotstadt für das nationale „Sponge City Program“ ausgewählt. Das Ziel: Bis 2030 sollen 80 Prozent der bebauten städtischen Flächen Schwammeigenschaften aufweisen und so klimaresilienter werden.
Städte zu Schwämmen umbauen, um Überflutungsrisiken abzumildern
Viele Ideen des Programms gehen auf den Schwammstadt-Pionier Yu Kongjian zurück: Bereits Ende der 1990er Jahre entwickelte der Landschaftsarchitekt Konzepte, wie Städte zu Schwämmen umgebaut und so Überflutungsrisiken abgemildert werden könnten. So sah etwa sein „Wulijie Eco‑city“-Konzept von 2012 vor, am östlichen Stadtrand Wuhans eine Schwammstadt für 100.000 Einwohner:innen zu errichten. Feuchtgebiete sollten darin 100 Prozent des örtlichen Niederschlags aufnehmen, während grüne Korridore als Rad- und Fußgängerwege dienen und dabei die Biodiversität fördern sollten. Zwar wurde das Konzept nie vollständig in die Praxis überführt, gleichwohl stieß die chinesische Regierung in den Jahren nach der Veröffentlichung das nationale Schwammstadtprogramm an – und initiierte damit auch den großflächigen Umbau Wuhans.
Der Architekt Yu Kongjian bei einem Interview 2022 in seinem Büro in Peking. Ab den 1990er Jahren begann Kongjian, das Schwammstadtkonzept zu entwickeln, inspirierte damit in den Folgejahren Stadtplaner:innen weltweit. Heute ist das Konzept international anerkannt und wird immer häufiger umgesetzt.
Innerhalb von drei Jahren wurden rund 300 Projekte realisiert
„China ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gewachsen, und die Städte haben sich in kurzer Zeit massiv verdichtet: Vielerorts sind die Böden versiegelt, es mangelt an Grünflächen und Orten, an denen Regenwasser versickern kann“, erklärt Prof. Dr. Faith Chan, Spezialist für städtische Wasserwirtschaft. „Die Folge sind Staunässe, Oberflächenabfluss und Überflutungen.“ Auch Wuhan war davon betroffen: 2016 standen ganze Stadtviertel unter Wasser, nachdem allein in der ersten Juliwoche über 560 Millimeter Regen gefallen waren. Zum Vergleich: In Berlin entspricht diese Menge dem Jahresniederschlag.
2016 kam es in Wuhan zu schweren Überflutungen. Ganze Stadtviertel standen unter Wasser, nachdem innerhalb einer einzigen Woche mehr als 560 Millimeter Regen gefallen waren. In Berlin entspricht diese Wassermenge dem Jahresniederschlag.
„Das landesweite Schwammstadt-Programm, das mittlerweile auf etliche Städte ausgeweitet wurde, soll die Widerstandskraft gegen solche Ereignisse erhöhen und zugleich die Wassernutzung verbessern. Bis 2030 – das ist das wichtigste Ziel – sollen chinesische Städte mindestens 40 Prozent des örtlich fallenden Regenwassers wiederverwenden“, erklärt Chan. Genutzt werden soll das Wasser zum Beispiel zur Bewässerung von Stadtparks oder zur Speisung von Flüssen und künstlichen Seen, deren Ufer als Freizeitflächen dienen. „Zugleich möchte China durch blau-grüne Maßnahmen die Luftverschmutzung reduzieren und in Städten, in denen es sehr heiß wird, die Temperaturen senken. So soll sich die Wohn- und Lebensqualität verbessern.“
Im Huanzi-See im Baodao-Park in der westlichen Innenstadt Wuhans ist ein Mikro-Elektrolyse-System verbaut, dass die Zirkulation und somit die Wasserqualität verbessern soll. Pflanzen am Ufer filtern zusätzlich Schadstoffe aus dem Oberflächenwasser, um die Wasserqualität zu verbessern.
Vor diesem Hintergrund begann Wuhan 2015 damit, die Stadtviertel Qingshan und Sixin zu Demonstrationsgebieten für Schwammstadt-Maßnahmen umzubauen. Innerhalb von drei Jahren wurden rund 300 Projekte realisiert – unter anderem Gründächer, durchlässiges Pflaster und Grasmulden. Zudem schuf die Stadt Feuchtgebiete wie den 503 Hektar großen Wuhan Yangtze Riverfront Park. Dort entstanden grüne Hänge, Flussnebenarme und Schlammflächen, die sowohl dem Überflutungsschutz als auch der Biodiversität dienen.
Peter Thomassen
Breite Spazier- und Radwege flankiert von Bäumen und Grünflächen: Der Yangtze Riverfront Park ist Teil der Schwammstadtstrategie, die seit einigen Jahren in Wuhan umgesetzt wird. Hier versickert Regenwasser auf Grünflächen, die der Stadt zugleich als Retentionsflächen für Überschwemmungen durch den angrenzenden Jangtse Fluss dienen.
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Aufgang zum Dachpark des Einkaufszentrums Wuhan Xintiandi Horizon North Pavilion im Stadtteil Hankou: Die intensive Dachbegrünung kühlt die Umgebungstemperatur durch Verdunstung und verbindet modernes, urbanes Design mit Klimaresilienz.
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Mit Spielplätzen, Spazierwegen und Sitzgelegenheiten dient der Dachpark des Einkaufszentrums Wuhan Xintiandi Horizon North Pavilion als Naherholungsfläche und bindet zugleich Regenwasser.
Peter Thomassen
In Wuhan ist vielerorts wasserdurchlässiges Pflaster verlegt. Es ermöglicht die Versickerung von Regenwasser im Stadtraum und reduziert somit den Oberflächenabfluss. Durch Verdunstung wirkt der Bodenbelag zudem kühlend.
Eingespart wurden durch das Projekt rund 530 Millionen Euro
Im Wuhan Yangtze Riverfront Park, ebenso wie in vielen weiteren Parkanlagen, legte die Stadt abgesenkte, mit Gräsern, Stauden und Bäumen bepflanzte Grünflächen auf durchlässigem Substrat an. Diese Bioretentionsanlagen oder Regengärten filtern Regenwasser, das vor Ort versickert wird. Ergänzend legte Wuhan – besonders an Straßenrändern und entlang von Wohngebieten – zahlreiche offene und halboffene Gräben an. Auch dort wird Regenwasser dezentral aufgenommen, gefiltert und versickert. Zudem schuf die Stadt Kanäle und künstliche Seen, die bei Starkregen große Wassermengen aus Siedlungsgebieten aufnehmen und speichern können. Sie errichtete dafür neue Pumpstationen und erweiterte das Kanalnetz für eine bessere Zuleitung zu den künstlichen Seen. Schätzungen zufolge sparte Wuhan durch die Maßnahmen mehr als 4 Milliarden chinesische Yuan ein, was rund 530 Millionen Euro entspricht – verglichen mit der Alternative, das städtische Entwässerungssystem komplett zu erneuern, so dass es größere Regenmengen aufnehmen kann.
Gesteuert wurde das Großprojekt zentral und top-down: Die chinesische Regierung wies Wuhan qua nationalem Rahmenwerk zur Transformation an – und machte dabei unter anderem die Vorgabe, 20 Prozent der Flächen bis 2020 und 80 Prozent bis 2030 so umzugestalten, dass sie 60 bis 85 Prozent des lokalen jährlichen Niederschlags (17,6-35,2 mm/d) aufnehmen sowie ein 50-jährliches Extremereignis (303 mm/d) schadlos bewältigen können. Zum Vergleich: In Berlin liegen die durchschnittlich täglichen Niederschläge bei 0,96–1,35 mm/d. Ein 50-jährliches Ereignis erreicht hier zudem lediglich 115 mm/d. Die konkrete Umsetzung des Schwammstadtprojekts in Wuhan oblag der Stadtverwaltung, die hierbei flexibel Entscheidungen treffen konnte. „Wie genau die Ziele erreicht werden, können die chinesischen Schwammstädte grundsätzlich selbst entscheiden“, erläutert Faith Chan. „Die Maßnahmen werden gemeinsam von lokalen Planungsbüros, Wasserämtern sowie Bau-, Landschafts- und weiteren Behörden festgelegt und koordiniert.“
Ludger Heide
Eine der größten, künstlich angelegten Ufergrünflächen Asiens: Rund 140.000 Quadratmeter Grün dienen im Hankou Jiangtan Park, auch Yangtze Riverfront Park genannt, als Erholungsfläche und zum Hochwasserschutz.
Peter Thomassen
Im Qingshan Park dienen dicht mit Gräsern und Wasserpflanzen bewachsene Senken dazu, Regenwasser aufzunehmen und zu filtern. Die Vegetation trägt zugleich zu einem verbesserten Mikroklima bei.
Anwohner:innen geben Feedback über die Staats-App WeChat
Im Zuge der Umsetzung entwickelten die Verantwortlichen zusätzliche Vorgaben für die Stadt. Sie sind in den „Technical Guidelines for Sponge City Construction in Wuhan“ festgehalten. Werden in Wuhan Gebäude neu gebaut oder renoviert, sind inzwischen beispielsweise Gründächer und die Trennung von Regen- und Schmutzwasser verpflichtend. So stellt die Stadt sicher, ihre ambitionierten Ziele bis 2030 auch zu erreichen.
Zwischen 2015 und 2017 investierte Wuhan rund 1,4 Milliarden Euro aus staatlichen Mitteln und privaten Investitionen in den Umbau der Stadt. „Die Stadtverwaltung nutzt dabei nicht nur Gelder der Zentralregierung“, erklärt Faith Chan. „Sie bittet auch lokale Immobilienunternehmer, laufende Bauprojekte schwammstadtkonform umzusetzen.“ Im Gegenzug sage die Stadt neue Infrastruktur in der Umgebung zu – zum Beispiel Straßen, Schulen oder Krankenhäuser. Solche Kooperationen verschafften Wuhan zusätzliche finanzielle Mittel und beschleunigten die Umsetzung. Anwohner:innen konnten sich während des Umbaus unter anderem mithilfe der Staats-App WeChat über Regelungen und Maßnahmen informieren, Feedback geben und Probleme melden.
2020 trotzte Wuhan den stärksten Regenfällen seit 1980
Herausforderungen ergaben sich aus unterschiedlichen lokalen Voraussetzungen. Bis 2020 konzentrierte sich die Stadt vorrangig auf die bereits erwähnten ufernahen Modellgebiete. In den Folgejahren wurden rund 100 weitere dezentrale Projekte in anderen Teilen der Stadt angestoßen. Die Abdeckung hat sich dadurch zwar verbessert, dennoch sind Schwammstadt-Elemente und damit auch die Kapazitäten zur Aufnahme von Regenwasser weiterhin ungleichmäßig über das Stadtgebiet verteilt. „In Wuhan wie auch in anderen chinesischen Städten ist es besonders schwierig, solche Lösungen in historischen Altstädten umzusetzen“, sagt Faith Chan. „Dafür müsste bestehende Infrastruktur entfernt werden, was für Anwohner:innen sehr belastend sein kann.“
Städte wie das mehr als 4000 Jahre alte Xi’an erfüllen die staatlichen Vorgaben daher häufig, indem sie Schwammstadt-Maßnahmen vor allem in bislang unbebauten Gebieten umsetzen – also gewissermaßen auf der grünen Wiese. Auch in Wuhan konzentrierte sich der Umbau bislang vor allem auf weniger dicht besiedelte Neubaugebiete. „Insgesamt würde ich sagen, dass der Umbau Wuhans zur Schwammstadt sehr erfolgreich war“, resümiert Faith Chan. „In den letzten Jahren habe ich selbst in der Monsunzeit keine Überflutungen mehr wahrgenommen. Die Schwammstadt-Infrastruktur scheint also sehr gut zu funktionieren.“ So blieb Wuhan sogar 2020 von Überflutungen verschont – während der stärksten Regenfälle in China seit 1980.
Der Experte für städtische Wasserwirtschaft und nachhaltiges Hochwassermanagement Prof. Dr. Faith Chan leitet die School of Geographical Sciences an der University of Nottingham Ningbo China. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf Klimaanpassungsmaßnahmen und den Folgen der globalen Mikroplastikverschmutzung.