„Multifunktionale Designs schaffen Synergien und sparen Kosten“

2011 versanken in Kopenhagen ganze Straßenzüge in den Fluten. Heute schützt sich die Stadt vor Starkregen – zum Beispiel mit dem Enghavepark. Wir sprachen darüber mit Tore Banke vom Büro Third Nature.

17.06.2026

Starkregen Überflutungsvorsorge

Starkregen Kopenhagen: Das Retentionsbecken schützt angrenzende Wohngebiete vor Überschwemmungen und kann auch genutzt werden. Third Nature

Der abgesenkte Multifunktionsplatz im Enghavepark in Kopenhagen dient im Alltag als Sport- und Freizeitfläche. Bei Starkregen wird er zum Retentionsbecken und schützt so die angrenzenden Wohngebiete vor Überflutungen.

Herr Banke, 2011 fielen in Kopenhagen innerhalb von zwei Stunden knapp 150 Millimeter Starkregen. Der Strom fiel aus, historische Gebäude wurden stark beschädigt, die Notaufnahme des Nationalkrankenhauses musste vorübergehend evakuiert werden. Das Architekturbüro Third Nature, in dem Sie assoziierter Partner sind, gestaltete daraufhin von 2014 bis 2019 den Kopenhagener Enghavepark im Stadtteil Vesterbro um. Wie genau?

Tore Banke: Der Enghavepark liegt in einer Senke und eignet sich entsprechend als kontrolliertes Überflutungsgebiet. Die hier installierten Schwammstadtlösungen können bei Starkregen das dicht besiedelte Nachbarviertel Vesterbro schützen, insgesamt eine Fläche von etwa 110 Hektar. Konkret haben wir den rund 100 Jahre alten und 35.000 Quadratmeter großen Park so umgebaut, dass er mittels abgesenkter Grünflächen, Betonbecken und unterirdischer Reservoire bis zu 22.600 Kubikmeter Regenwasser speichern und dadurch gewöhnlichen Niederschlägen ebenso trotzen kann wie einem zehn- oder sogar 100-jährigen Regenereignis.

Enghave Park im Kopenhagener Stadtteil Vesterbro - Luftbild zeigt Rosen- und Staudengarten, mehrere Sportfelder sowie Spielbereiche.

Der rund vier Hektar große Enghavepark im Kopenhagener Stadtteil Vesterbro umfasst einen Rosen- und Staudengarten, mehrere Sportfelder sowie Spielbereiche. Durch Aushub innerhalb der neoklassizistischen Parkanlage wurde Raum für 9.000 Kubikmeter Regenwasser geschaffen.

Die technische Infrastruktur machen wir dabei bewusst in der Stadtlandschaft sichtbar: Die etwa 600 Meter lange Hochwasserschutzmauer etwa dient im Alltag als Kopenhagens längste Sitzbank. Auch auf ihr fließt Regenwasser, sodass Kinder zum Beispiel kleine Boote darauf schwimmen lassen können.

 

Wie genau halten Sie das Wasser im Park?

Alltäglichen Niederschlag fängt ein zentrales, rechteckiges Wasserbecken mit einem Fassungsvermögen von etwa 1.600 Kubikmetern auf.

 

Um Starkregen in Kopenhagen entgegenzuwirken wurde ein Regenwassersammelbecken im Enghavepark errichtet. Third Nature

Ein Regenwassersammelbecken im Enghavepark dient Enten und anderen Vögeln als Lebensraum. Bei Bedarf nutzt die Stadt das Wasser – dessen qualitative Unbedenklichkeit wird regelmäßig überprüft – um Bäume und Pflanzen zu wässern.

Seitenansicht des abgesenkten Multifunktionsplatzes, der barrierefrei und amphitheaterähnlich mit Sitzgelegenheiten ausgestattet ist: Im Winter wird der Platz zur Eisbahn, auf der Besucher:innen Schlittschuhfahren und Eishockey spielen können. Third Nature

Seitenansicht des abgesenkten Multifunktionsplatzes, der barrierefrei und amphitheaterähnlich mit Sitzgelegenheiten ausgestattet ist: Im Winter wird der Platz zur Eisbahn, auf der Besucher:innen Schlittschuhfahren und Eishockey spielen können.

Wassergefüllter Mulitfunktionsplatz als Rückhaltebecken nach Starkregen - Kopenhagen Third Nature

Bei Starkregen dient der Multifunktionsplatz als Rückhaltebecken, das sich mit Wasser füllt. Das Becken umfasst ein Speichervolumen von 4.500 Kubikmetern.

Dank einer Spezialgenehmigung der Gesundheitsbehörden wässert Kopenhagen mit diesem Regenwasser bei Bedarf die städtischen Grünflächen. Die Wasserqualität wird natürlich regelmäßig überprüft. Regnet es stärker, läuft zunächst ein abgesenkter Sportplatz voll – ein Betonbecken mit einem Fassungsvermögen von etwa 4.500 Kubikmetern.
Als nächstes füllt sich dann ein unterirdisches Reservoir aus Stahlbeton mit einem Fassungsvermögen von etwa 4.000 Kubikmetern. Es befindet sich unter dem leicht abgesenkten Rosengarten.

 

Der durchlässige Belag im Rosengarten ist integraler Bestandteil des Regenwassermanagementsystems im Enghavepark: Oberflächenwasser wird hierüber in den Untergrund abgeleitet um die Versickerung zu beschleunigen

Der durchlässige Belag im Rosengarten ist integraler Bestandteil des Regenwassermanagementsystems im Enghavepark: Oberflächenwasser wird hierüber in den Untergrund abgeleitet um die Versickerung zu beschleunigen.

Bei einem 100-jährigen Ereignis schließlich wird der gesamte Park kontrolliert geflutet: Die Stahltore an den Parkeingängen, deren Funktionalität zweimal im Jahr getestet wird, heben sich bei steigendem Wasserpegel durch Auftrieb automatisch und verschließen die Eingänge. Zusätzlich wird Regenwasser aus den umliegenden Stadtvierteln durch Rohre zum Park hin und unter ihm abgeleitet.

Der leicht abgesenkte Rosengarten dient bei Starkregen als Rückhaltefläche, unter der sich ein Reservoir mit einem Fassungsvermögen von rund 22.600 Kubikmetern befindet. Third Nature

Der leicht abgesenkte Rosengarten dient bei Starkregen als Rückhaltefläche (1.400 Kubikmetern) unter der sich ein Reservoir mit einem Fassungsvermögen von 4.000 Kubikmetern befindet.

Am unteren Ende des Parks dient eine unterbrochene Mauer als Ein- und Ausgang. Im Boden ist ein Tor eingelassen. Dieses verschließt den Durchbruch in der Mauer, sobald sich Oberflächenwasser sammelt. Third Nature

Am unteren Ende des Parks dient eine unterbrochene Mauer als Ein- und Ausgang. Im Boden ist ein Tor eingelassen. Dieses verschließt den Durchbruch in der Mauer, sobald sich Oberflächenwasser sammelt.

: Sammelt sich im Park Oberflächenwasser, drückt dieses in den Boden eingelassene Tore an die Oberfläche. Hierdurch wird der Park abgeriegelt. (links im Bild: unterbrochene Mauer mit offenem Parkzugang, rechts: ein Tor schließt die Lücke in der Mauer und verriegelt so den Eingangsbereich). Third Nature

Sammelt sich im Park Oberflächenwasser, drückt dieses in den Boden eingelassene Tore an die Oberfläche. Hierdurch wird der Park abgeriegelt. (links im Bild: unterbrochene Mauer mit offenem Parkzugang, rechts: ein Tor schließt die Lücke in der Mauer und verriegelt so den Eingangsbereich). Dadurch können zusätzliche 11.100 Kubikmeter Wasser eingestaut werden.

War es schwierig, eine Genehmigung zu bekommen, um das im Park gesammelte Regenwasser zur Bewässerung zu nutzen?

Zum Gießen verwendet wird nur der im zentralen Becken gesammelte tägliche Niederschlag. Ein Abflussventil jenseits der Parkmauer erlaubt es der Gemeinde, hier in Trockenperioden Wasser abzupumpen und mithilfe kleiner Tanklaster dorthin zu bringen, wo es gebraucht wird. Um die Genehmigung zu bekommen, mussten wir die Gesundheitsbehörde überzeugen, dass die Wasserqualität zufriedenstellend ist – auch wenn das Reservoir von Enten und anderen Vögeln frequentiert wird. Unser Argument war, dass Baumscheiben in der Stadt ja auch regulär mit Tierfäkalien in Kontakt kommen, etwa mit Taubenkot und Hundeurin. Die Gemeinde überprüft die Wasserqualität regelmäßig und stellt dabei jedes Mal fest, dass die Qualität in Ordnung ist. Inzwischen gibt es zunehmend Projekte in Dänemark, die für ähnliche Entwürfe Genehmigungen erhalten.

 

Entleerungsarmaturen an der Außenseite der den Park einrahmenden Betonmauer: Tankfahrzeuge können hierüber Wasser aus dem Regenwassersammelbecken im Park abpumpen. Genutzt wird dieses zum Gießen von Grünflächen im gesamten Stadtgebiet.

Entleerungsarmaturen an der Außenseite der den Park einrahmenden Betonmauer: Tankfahrzeuge können hierüber Wasser aus dem Regenwassersammelbecken im Park abpumpen. Genutzt wird dieses zum Gießen von Grünflächen im gesamten Stadtgebiet.

Wie wurde der Umbau des Parks finanziert, wie viel hat er gekostet und wer übernimmt den Betrieb?

Das Budget belief sich auf umgerechnet rund zehn Millionen Euro. Etwa die Hälfte hat die Stadtverwaltung finanziert, die andere Hälfte das örtliche Versorgungsunternehmen, das sich überwiegend im Besitz der Stadtverwaltung befindet. Zusätzlich zum Grundbudget haben wir umgerechnet rund 1,5 Millionen Euro von einer Stiftung erhalten. Damit konnten wir historische Bauten im Park – zwei Pavillons und eine Bühne, die in den 1920er Jahren vom dänischen Architekten Arne Jacobsen in Zusammenarbeit mit dem städtischen Architekturbüro von Kopenhagen gestaltet wurden – restaurieren und an die neuen Anforderungen anpassen. Heute kümmern sich Stadtverwaltung und örtliches Versorgungsunternehmen gemeinsam um den Betrieb des Parks, wobei Aufwand und laufende Kosten dem Betrieb eines „regulären“ Parks vergleichbar sind – unter anderem, weil Enghavepark in einer Senke liegt und das Wasser dank Schwerkraft und Topografie von allein dorthin fließt, wo es sich sammeln soll. Nur für betriebliche Zwecke oder bei kontrollierter Entleerung wird Wasser aktiv gepumpt.

 

Die historischen Designs haben Sie einerseits beibehalten, Bauwerke und Flächen aber andererseits auch stark umgestaltet, um sie bei Starkregen widerstandsfähiger zu machen. Kam Ihnen da nicht der Denkmalschutz in die Quere?

Wir haben das Projekt im Rahmen eines Architekturwettbewerbs entwickelt. Während andere Entwürfe einen komplett neuen Park vorsahen, konzentrierten wir uns darauf, räumliche und architektonische Qualitäten zu erhalten und zugleich Klimaanpassungsmaßnahmen zu integrieren.

Der Staudengarten im nordöstlichen Teil des Enghaveparks ist Erholungsort und Biodiversitätshotspot zugleich: Insekten und Kleintieren dient er als vielfältiger, innerstädtischer Lebensraum.

Der Staudengarten im nordöstlichen Teil des Enghaveparks ist Erholungsort und Biodiversitätshotspot zugleich: Insekten und Kleintieren dient er als vielfältiger, innerstädtischer Lebensraum.

Dazu ist zu sagen, dass Klimaschutz und Klimaanpassung in der dänischen Planungs- und Baupraxis stark verankert und zunehmend formalisiert sind, auch wenn der Denkmalwert gewahrt bleiben muss. Im Enghavepark konnten wir die Anlagen zur Bewirtschaftung von Regenwasser ohne größere Probleme in das ursprüngliche, neoklassizistische Design des Parks integrieren.

Um und durch den Park führt eine Betonmauer mit multifunktionalem Design: Die „längste Sitzbank Kopenhagens“, in die offene Wasserkanäle eingelassen sind, ist im Alltag Spiel- und Verweilort. Bei Starkregen dient sie dazu, Oberflächenwasser im Park zu halten.

Um und durch den Park führt eine Betonmauer mit multifunktionalem Design: Die „längste Sitzbank Kopenhagens“, in die offene Wasserkanäle eingelassen sind, ist im Alltag Spiel- und Verweilort. Bei Starkregen dient sie dazu, Oberflächenwasser im Park zu halten.

Die verschiedenen Elemente im Park sind multifunktional gestaltet: Der als Amphitheater konzipierte, abgesenkte Sportplatz zum Beispiel dient bei Starkregen als Wassersammelbecken. Welche Vorteile hat ein solches Design?

Multifunktionalität ist tatsächlich ein zentrales Merkmal aller oberirdisch realisierten Elemente. Im Alltag leiten wir zum Beispiel Regenwasser durch viele kleine Kanäle im Park.

Der Bühnenplatz im nördlichen Teil des Parks dient als sozialer Treffpunkt, wird unter anderem für Märkte, Kunst- und Kulturveranstaltungen genutzt. Der befestigte Platz liegt leicht erhöht, sodass Regenwasser in die umliegenden, wasserdurchlässigen Bereiche abfließt.

Der Bühnenplatz im nördlichen Teil des Parks dient als sozialer Treffpunkt, wird unter anderem für Märkte, Kunst- und Kulturveranstaltungen genutzt. Der befestigte Platz liegt leicht erhöht, sodass Regenwasser in die umliegenden, wasserdurchlässigen Bereiche abfließt.

Leider wurde hierbei versäumt, Tafeln anzubringen, die Besucher:innen über das Konzept und ggf. auch darüber informieren könnten, dass der Park bei Starkregen als Retentionsfläche dient, was übrigens komplett ungefährlich ist: Besucher:innen können den Park jederzeit verlassen. Insgesamt glaube ich, es hat große Wirkung, Regenwasser nicht nur unterirdisch und somit versteckt zu bewirtschaften: Machen wir diese Dinge in der Stadt sichtbar, dann kommen die Menschen darüber ins Gespräch und es entsteht ein größeres Bewusstsein. Zugleich schaffen multifunktionale Designs Synergien und reduzieren damit die Kosten. Kann eine Fläche zugleich für Sport, saisonale Aktivitäten wie Eislaufen und als Regenwasserbecken genutzt werden, dann kombiniert man Klimaresilienz mit Alltagstauglichkeit. Dadurch entstehen Mehrwerte und es eröffnen sich neue Möglichkeiten in Hinblick auf die Finanzierung. Leider tun sich Stadtverwaltungen mit multifunktionalen Designs häufig noch schwer. Dabei sind die Vorteile enorm: Wir schaffen einen höheren Wert bei geringeren Gesamtkosten.

 

Glauben Sie, dass ein Projekt wie der Enghavepark auch in kleinerem Maßstab realisierbar wäre – zum Beispiel, indem man einzelne dezentrale Elemente daraus umsetzt?

Auf jeden Fall. Der Enghavepark besteht aus einer Vielzahl an Lösungen – ob das nun der abgesenkte Sportplatz ist, das zentrale Regenwasserbecken oder die große Mauer mit mechanisch auslösenden Toren. Das Design ist sehr flexibel. An vielen Orten einzelne Elemente umzusetzen, würde Städte zudem deutlich besser vor Starkregen schützen, als an wenigen Orten Speicher mit großem Fassungsvermögen zu bauen. Installiert man nur zentralisiert Systeme kommt es nämlich stets zu Engpässen in der Stadt – insbesondere in Altstadtvierteln, in denen die Kanalisation oft ein besonders geringes Fassungsvermögen hat und neue Abwassersysteme schwierig zu implementieren sind.

Der Architekt und Nachhaltigkeitsexperte Tore Banke hat sich auf klimagerechte Designs spezialisiert. Gemeinsam mit Kolleg:innen beim Architekturbüro Third Nature realisiert er diese in Kooperation mit öffentlichen Partnern. Im Falle des Enghaveparks waren das die Stadtgemeinde Kopenhagen, das städtische Versorgungsunternehmen HOFOR und das Ingenieur- und Beratungsunternehmen COWI.

Der Architekt und Nachhaltigkeitsexperte Tore Banke